Julia Schoch

Zur Ausstellung „Vom Gestern und Morgen“

Fotografien von Göran Gnaudschun

Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg
16. September bis 26. Oktober 2015

Die Ausstellung zeigt Fotografien aus der Serie „Luft berühren“und „morgen“.

 

Luft berühren – geht das überhaupt? Und wenn ja, wie fühlt es sich an? Und noch wichtiger: Wie lässt sie sich fotografieren, diese Berührung des Unsichtbaren, von der Göran Gnaudschuns Fotos erzählen?

Auf den ersten Blick handelt es sich um alltägliche Anblicke. Wir sehen scheinbar Nebensächliches, Banales. Einen Vorhang, eine Hauswand, eine staubige Fensterscheibe. Was normalerweise fortgeräumt oder bereinigt wird, um Platz zu schaffen für das, was der Laie für das „richtige“ Foto hält, all dies bildet hier gerade die Hauptsache, den Mittelpunkt.

Ein Kreidemuster in einem Kellergang, eine märkische Landschaft, vom Auto aus gesehen, die Häutung auf einem Kinderbein, die eigene Hand. Wir gehen hundert Mal am Tag über derlei Anblicke hinweg. Sie sind so leicht zu übersehen, ja geradezu unsichtbar. Wir erleben sie, ohne sie wirklich wahrzunehmen, ohne innezuhalten. Wir vergessen sie.

Nicht so der Fotograf. Tatsächlich hat er seit 2006 über mehrere Jahre hinweg jede Woche an einem ganz bestimmten Tag Fotos vom Tag gemacht. Jeweils eins davon wurde ausgewählt für die Serie.

Wir haben es hier also mit einer Art Tagebuch in Fotografien zu tun.

Nun ist es das Wesen von Tagebüchern, daß sie die Zeit nur vermeintlich bergen helfen. Wer Tagebuch führt, weiß: Wir können noch so beharrlich sämtliche Vorkommnisse festhalten, wenn wir eines Tages unsere Aufzeichnungen wieder lesen, begreifen wir, die Wirklichkeit lässt sich durch sie überhaupt nicht rekonstruieren. Ganz in diesem Sinne hat der Schriftsteller Milan Kundera einmal festgestellt: „Man stirbt, ohne zu wissen, was man erlebt hat.“

Göran Gnaudschun weiß das natürlich auch. Er weiß, dass es nicht nur unmöglich, sondern unsinnig ist, der Zeit Einhalt gebieten zu wollen. Deshalb geht es ihm auch nicht darum, den Moment zu retten. Er will nicht mittels einer Aufnahme etwas Ewiges aus dem flüchtigen Moment machen. Anstatt die Zeit per Foto bannen, einfrieren oder gar aus der Welt schaffen zu wollen, bilden seine Fotos die Zeit und deren Flüchtigkeit vielmehr ab. Man könnte sagen, der Fotograf erinnert uns. Jedoch nicht an die Dinge selbst. (Dann wäre er Archivar geworden.) Nein, er erinnert uns vielmehr daran, dass sie vergehen. Offenbar angespornt von der Parole Angriff ist die beste Verteidigung eilen seine Fotos dem Flüchtigen regelrecht entgegen. Das müssen sie auch, denn aus genau dieser Flüchtigkeit beziehen sie ihre Schönheit. Der französische Dichter Charles Baudelaire wusste es als erster: die Schönheit einer Frau, die auf der Straße an einem vorbeiläuft und im Moment ihres Erscheinens schon wieder in der Masse untergetaucht ist, kann unendlich eindrücklicher sein als die einer vermeintlich vollkommenen Statue in irgendeinem Museum.    

Folgt man dieser Logik, offenbaren sich die Bilder von Göran Gnaudschun als ganz und gar nicht unarrangiert und spontan. Erst der genaue Ausschnitt, der genaue Augen-Blick erschafft die Poesie. Dabei sage ich bewusst Bilder, denn die Fotos haben etwas höchst Malerisches, Komponiertes an sich. Wäre es anders, würden wir die Schönheit, die dem Flüchtigen entspringt, gar nicht sehen können.

Jedes von ihnen ist ein Blitzeindruck. Die Zustände, die wir sehen, sind jeweils nur einen Lidschlag entfernt von ihrer Veränderung, ihrer Auslöschung also.

Das Kind wird aus der Wanne gehoben werden, die Schwäne werden aus dem Bildausschnitt treiben, die Wolken weiterziehen.

Dann wird es vorbei sein.

Es gibt nichts aufregenderes, als der Zeit bei der Arbeit zuzusehen. Genau das tut der Fotograf hier.

In dem Film Thomas Crown ist nicht zu fassen aus dem Jahr 1968 spielt Steve McQueen einen reichen Geschäftsmann, der eine Bank ausrauben lässt. Geld hat er genug, was er sucht, ist etwas Abwechslung, eine Herausforderung. Der Plan gelingt, aber wirklich befriedigt scheint er nicht. In einer Szene landet er mit seinem Segelflugzeug und fragt seine Freundin: Aber die Zeit vergeht, und was passiert eigentlich?

Der schlichteste und zugleich ergreifendste Satz in einem Roman war für mich immer folgender: Die Jahre gingen dahin.

Das Vergehen der Zeit hält uns jeden Tag die Unfähigkeit vor Augen, uns zu erinnern, uns richtig zu erinnern. Denn was wir erinnern, ist offenbar jedes Mal etwas GANZ ANDERES. Etwas Zusammengefasstes, eine Art Abstraktion. Ja, wir erinnern uns an Abstraktionen der Wirklichkeit.

So wie wir uns nach einer durchträumten Nacht meist nur an einzelne, wenn auch eindrückliche Fetzen erinnern.

Sieht man es so, haben Göran Gnaudschuns Bilder eindeutig mehr mit Träumen zu tun als mit Tatsachen. Seine Tagebuchfotos dienen nicht als Stütze der Erinnerung. Das wollen sie auch gar nicht. Der Fotograf hat, so scheint es mir, schon im Moment der Aufnahme nicht die Sache an sich abgebildet, sondern bereits ihren erinnerten Rest. Jede der hier hängenden Farbfotografien aus der Serie Luft berühren könnte betrachtet werden als der erinnerte Rest eines Fotos, das nicht gemacht werden kann. Das Erhaschte, das auf jedem von ihnen aufblitzt, die Sekunde, der Lidschlag, wäre demnach eine Art Urbild. Das was wir in unserm Innersten zurückbehalten, wenn wir uns an weit Zurückliegendes erinnern. Oder eben an einen Traum.

Und genau wie in unseren Träumen auch hat diese Art von erinnertem Bild oft etwas Fremdes, Befremdliches an sich.

Wieso ist der Grasfleck unter der Brücke hell, wenn es doch Nacht zu sein scheint? Kämpfen die beiden ineinander verhakten Kinder miteinander oder sind sie gerade dabei, sich zu versöhnen?

Wir kennen diese Art Unsicherheit von den Bildern zum Beispiel des Malers de Chirico. Auf denen kann ein simples Gebäude unbehaglich wirken, weil es einen langen Schatten wirft, und wir kennen sie natürlich aus Filmen des Regisseurs David Lynch, in denen eine gewöhnliche Häuserecke etwas Beklemmendes ausstrahlen kann.

Göran Gnaudschuns Fotos beweisen einmal mehr: Als Künstler überlässt man das Fremdwerden nicht einfach der Zeit. Man setzt sich vielmehr an deren Stelle. Man macht die Dinge selbst fremd, schon jetzt, in diesem Augenblick, anstatt den Prozess nur hinzunehmen.

Hier liegt mir der Schlüssel zu den Tages-Fotos zu liegen, die im Übrigen als Ensemble gesehen und gelesen werden wollen. Sie lassen uns die Welt neu ansehen, indem sie uns die Fremdheit des Vertrauten vorführen.

Das Allervertrauteste, das Alleralltäglichste – es ist am Ende nicht selten das Fremdeste, das Unwirklichste. Sind wir uns nicht ständig selbst unvertraut? Zum Beispiel morgens, beim ersten Blick in den Spiegel. Oder denken wir an die ungläubigen Ausrufe, wenn man ein altes Fotoalbum durchblättert: Was, das soll ICH sein? Ganz zu schweigen von den eigenen Kindern, von Kindern ganz allgemein, die in dieser Ausstellung ja keine geringe Rolle spielen. Die Zeit entreißt uns das Vertraute, immer wieder.

In dieser Hinsicht ist es durchaus logisch, die beiden Serien Luft berühren und morgen zusammenzubringen. Ließen sich die Farbfotografien nicht als die erinnerten Bildreste jener alten Menschen deuten, die Göran Gnaudschun in Schwarzweiß porträtiert hat? In der Spanne zwischen den allerjüngsten und den sehr alten Porträtierten liegt der Raum für die Erinnerungen. Gleichzeitig bilden sie die Pole, zwischen denen sich der Verlust abspielt. Die Jüngsten sind noch ohne Bewusstsein von den Ereignissen, und die Älteren erinnern sich nurmehr in Abstraktionen. Eine Tatsache, die beinahe tragisch zu nennen wäre. Allerdings bilden diese Abstraktionen dank des Künstlers nun ein eigenes Universum. Sie werden sichtbar und gesellen sich zu unseren eigenen (unzulänglichen) Erinnerungen. Wenn das geschieht, wird die Welt weiter.

 

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