Anne-Marie Beckmann
Katalogtext zum Buch „XL Photography 4  – Art Collection Deutsche Börse 2011

 

Fesselnde Blicke

 

Die Porträts von Göran Gnaudschun bestechen durch ihre unglaubliche Intensität. Und werfen viele Fragen auf. Warum schaut dieser Junge so ernst? Warum scheint er mir so nah und gleichzeitig ganz fern? Warum lässt mich sein Blick nicht mehr los, obwohl er mir nichts verrät? In seinen Porträts geht es Göran Gnaudschun nicht darum, die abgebildeten Menschen zu beschreiben oder ihre Geschichten zu erzählen. Es geht ihm vor allem um den Blick – der uns bannt und auf uns selbst zurückwirft. Denn je weniger wir von der abgebildeten Person wissen, desto mehr wird ihr eindringliches Porträt zum Spiegel unserer Seele und fragt uns nach unseren eigenen Geschichten. Für Gnaudschun ist eine Fotografie erst dann ein fertiges Bild, wenn sie diesen Dialog mit dem Betrachter eingeht.

 

Die Jugendlichen der Serie „reif“ könnten vermutlich viele Geschichten erzählen, traurige zumeist. Sie alle leben in Kinderheimen. Dort hat Göran Gnaudschun sie fotografiert. Mit voller Konzentration haben sie sich auf seine Aufnahmen eingelassen und sich über die ungeteilte Aufmerksamkeit gefreut, die er jedem von ihnen gewidmet hat. Dem Leid und dem Schmerz, die sie ungewollt zu früh haben reifen lassen, scheinen sie mit verstörender Gefasstheit zu begegnen. Göran Gnaudschuns Bilder geben diesen Jugendlichen eine Würde, die sich jeglicher Opferrolle verweigert. Dennoch lassen sie uns ahnen, wie schwer es für sie sein wird, dem Kreislauf von Verletzung und Gewalt zu entfliehen.

 

In seinem Essay „Die helle Kammer“ beschreibt der französische Philosoph Roland Barthes den Prozess des Fotografiertwerdens: „Vor dem Objektiv bin ich zugleich der, für den ich mich halte, der, für den ich gehalten werden möchte, der, für den der Photograph mich hält, und der, dessen er sich bedient, um sein Können vorzuzeigen.“ Die Stärke von Göran Gnaudschuns Porträts liegt darin, dass er sich eben nicht bei den abgebildeten Personen bedient, sondern sich im Gegenteil von ihnen löst. In der ihrer zurückhaltenden Darstellung liegt ihre Kraft. Die durch Größe und Nähe entstehende Monumentalität der Gesichter wird durch die Natürlichkeit von Farbe und Hintergrund wieder  aufgehoben. Dies setzt sich auch bei der späteren Serie „Neue Porträts“ fort. In ausdauernden Sitzungen hat Gnaudschun entfernt bekannte Jugendliche so lange mit der Kamera beobachtet, bis sich jegliche Bemühungen um Selbstdarstellung auflösten. Es bleiben die Blicke, die alles offen lassen und uns mit ihrer unglaublich ruhigen Ausstrahlung fesseln.