Aufmacher

…Die Werkfolge der „PORTRAITS“ von 2000/2001 offenbart sich als die Quintessenz der zurückliegenden Jahre, insbesondere der Serie über Hausbesetzer in Potsdam „Vorher müsst ihr uns erschießen“, an der der Fotograf vier Jahre arbeitet, welche auch in Buchform vorliegt. Mitten in der Szene bewegt der Fotokünstler sich hier als Gleicher unter Gleichen mit seiner Kamera und die offensive Lebenskunst wie jugendlicher Gemeinschaftsgeist erweisen sich als beste Bildhervorbringer. Fotos sind wunderbare „Beweismittel“. Bei aller knisternden Nähe entwickelt er ein präzises Fotografieverständnis, das über die eigenen Zirkel hinauslichtet. Fotografieren wandelt sich von der Vergewisserungs- zur Konzentrationsform.

Die Kunst des Portraitierens, wie Göran Gnaudschun sie versteht, beruht auf der Schaffung eines Gegenübers. Das aber gelingt nur, wenn der Fotograf einen Öffnungsmoment erzeugen kann, wenn er gewissermaßen als „Aufmacher“ zu wirken vermag. Beidseitiges Vertrauen ist dafür, simpel gesagt, unabdingbare Voraussetzung. Im Falle der Portraitserie kann er aus eigener Erfahrung schöpfen, es sind Freunde und Wegbegleiter, die vor die Kamera treten.
Die großformatigen Aufnahmen erweisen sich als Reduzierungen, sie sind abgelöst von den Szenegeschichten drumherum – und damit vom Exotikstatus. Der Fotograf setzt nicht stets die gleichen Aufnahmebedingungen; eines zieht sich aber durch die Portraitreihe: jedes mal findet nur das indirekte Licht am Ort der Aufnahme Verwendung. Dessen Widerschein profiliert die Gesichtszüge, der Bildhintergrund zeichnet sich dagegen mit Unschärfe ab und fügt atmosphärische Qualitäten hinzu – all das eröffnet der Seele Schwingungsraum.

Die Intensität des Augenblicks greift weniger nach dem üblichen Charakterportrait, als nach einem bestimmten Zeitgefühl, das es gerade in Anbetracht unangepasster Köpfe für den Künstler herauszufiltern gilt. Eine Gratwanderung: mit der Magie des Portraitmoments, das Bei-sich-Sein, die innere Ruhe in eine gesellschaftlich relevante Prägnanz zu überführen. Dergestalt werden seine Aufnahmen zu Aufmachern in einem ganz anderen Sinn, als wir gewöhnlicherweise gerade Fotografien von „Randgruppen“ in den Medien unter diesem Begriff geistern sehen.

Jörg Sperling (Brandenburgische Kunstsammlungen) im Bulletin der Deutschen Fotografischen Akademie, 2002