Dr. Christiane Stahl

Katalogtext zum „Lotto Brandenburg Kunstpreis Fotografie Literatur”

2012

 

Göran Gnaudschun hat sich seinem Projekt „Berlin Alexanderplatz“ mit Haut und Haaren verschrieben. Auch heute noch geht er zum Alex, um jene Gruppe von Leuten zu treffen, die mit der Gesellschaft nicht klar kommen und deren Leben irgendwann aus den Fugen geraten ist. Als ich ihn anrief, um ein Vorgespräch zu führen und ihm zum Kunstpreis Fotografie zu gratulieren, war er gerade auf dem Weg dorthin. Er wolle den Leuten vom Alex einen ausgeben und auf den Preis anstoßen. Schließlich geht es um sie, stehen sie im Mittelpunkt der prämierten Arbeit und hat er ihnen viel zu verdanken. Natürlich fühlt er sich ihnen eng verbunden.

 

Sicherlich liegt es auch in der Biografie von Göran Gnaudschun begründet, dass er sich das Vertrauen dieser Menschen erwerben konnte und diese Bilder so wurden wie sie sind. Er war einige Jahre als Punkmusiker der Gruppe „44 Leningrad“ unterwegs und hat über „diese wilden Jahre“ 1996 seinen ersten Fotoessay herausgegeben. Seinen Abschluss an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bestand aus einer Bildserie über die Hausbesetzerszene in Potsdam, die ohne Innenkenntnis nicht hätte entstehen können. Es wird Gründe geben, aufgrund derer er nachvollziehen kann, warum man heftiger reagiert als andere und warum emotionale Gleichgültigkeit, Missbrauch oder Gewalt Zwölfjährige die Flucht vor den Schutzbefohlenen antreten lassen. Oder warum manche aus dem Raster fallen und die Dinge nicht so auf die Reihe bekommen wie „Leute aus geordneten Verhältnissen“. Er wird die Wut nachvollziehen können, die sich irgendwie den Weg bahnen muss, sei es, indem man die erfahrene Gewalt an seine Umgebung weiter reicht oder sei es in Form von Selbstzerstörung. Ihm ist klar, dass die Gewalt nach außen und nach innen Eins sind. Aber Gnaudschuns Empathie ist ohne Gefühlsduselei, sein Mitleid ist Teil der Geschichte. Es sind feinfühlige, sensible Portraits von Menschen abseits der Gesellschaft geworden, ergreifende Portraits der Gestrandeten, Geschändeten und Gescheiterten, denen Gnaudschun ihre Würde zurück gegeben hat. Wenn uns „diese Typen“ auf dem Alex anschnorren, sehen wir ihnen kaum in die Augen. Hier schaut man sie hingegen gerne an, auch länger als andere Portraits, nicht aufgrund ihrer exotischen Identifikationsattribute, sondern weil sie in ihrer offenkundigen Verletzlichkeit eine Schönheit offenbaren, die man nicht für möglich gehalten hätte – vermutlich am allerwenigsten sie selbst. Mit diesen Portraits haben sie ein Bild ihrer Persönlichkeit von ungeahnter positiver Ausstrahlung erhalten, an dem sie sich festhalten können, wenn mal wieder einer dieser schlechteren Tage kommt.

 

Vielleicht haben sich einige der Portraitierten schon mal gegen ein paar Cent von den Touris am Alex fotografieren lassen. Die Punks mit gefärbten Haaren, Gruftis mit schwarzweiß geschminkten Gesichtern und Ringen in den Nasen, oder die alkoholisierten Obdachlosen, deren Tattoos, nietenbewehrte Lederkluft und von der letzten Schlägerei schorfige Wunden sich sehr pittoresk fotografieren lassen. Nein, was Gnaudschun festhält ist kein buntes Panoptikum, sondern ein tiefgründiges Portrait eines gesellschaftlichen Phänomens, das gerne verdrängt wird, weil es sich um äußerst unappetitliche Abgründe der Kehrseite unserer Gesellschaft handelt. Die Geschichten der Portraitierten, die sich der Fotograf angehört hat, sind erschütternd und teilweise kaum zu glauben. Er hat viele Interviews zusammen getragen und zu Texten geformt, die unverbrüchlicher Teil dieser Fotoserie sind.

 

Die Texte sind prägnant und packend geschrieben, spannender als jeder Krimi, weil der Sprachduktus unmittelbar zu uns durchdringt und weil die Texte sind wie die Bilder: objektive Dokumente von meist noch sehr jungen Menschen jenseits der gesellschaftlichen Ordnung, die mit Göran Gnaudschuns fotografischer Arbeit „Berlin Alexanderplatz“ ihre innere Integrität, Selbstbewusstheit und Schönheit wieder erlangen.