Christina Griebel: Festland | Göran Gnaudschun

Christina Griebel
Festland
Fotografien von Göran Gnaudschun, Potsdam 27. 1. 06 – 11. 3. 06

Es sind Reisebilder –
Bilder, von zwei Beinen getragen,
kein Esel, der die Platten und Kameras schleppte,
keine Straßenzüge, die geräumt wurden, damit freie Sicht sei,
keine Schauspieler, an Böschungen platziert, zum Picknick.
Zwei Beine, das Auf und Ab der menschlichen Gangart,
zwei Augen, Kugeln in Nestern,
davor eine Kleinbildkamera
Monokel
vor Binokel,
später: ein Abzug.

Klein im Format, Vertraulichkeit stellt sich ein:
Betrachter vor Rahmen,
einer vor jedem, nicht mehr als zwei,
denn zwei sind es schon, die das Bild machen,

er und und ich.
Im fotografischen Akt korrespondieren Produzent und Betrachter über das Bild,
das die Präsenz beider braucht:
die Geste des Blicks auf das Objekt
– EIN KLICKEN –
die Geste des Blicks auf das Zeichen
– ein Zeichen, durch ein Klicken gesichert, nicht etwa erstellt –

es war schon da,
und mehr ist ein Foto nicht als ein ich war da
ich ist er, der Fotograf,

wenn er er ist,
bin ich ich,
denn wenn du ich sagst, gehört ich dir;
das Pronomen: ein Zeichen, das seinen Besitzer wechselt.
Dieses ich, es kann nicht sein
ohne mich,
die damit gemeint ist.

Das Foto: ein Zeichen, das nicht sein kann ohne das, was da gewesen ist
und ohne den, der da gewesen ist.

Es war schon da, und er kam hinzu,
mehr ist ein Foto nicht,
und dies ist die Stärke der Arbeit Göran Gnaudschuns:
EIN PERFEKTER FOTOGRAFISCHER PAKT.

Ihm als Betrachter beizutreten – und näher kommen wir nicht heran – und wir, das bin
ich, nichts weiter als ein Teil – ihm beizutreten heißt:
Auf zwei eigenen Beinen hinter die zwei Augen des Fotografen treten,
aus Binokel wird Monokel,
ich stehe, wo er stand
(als er das Bild hängte),
doch wenn ich den Rand nicht mehr sehe, stehe ich – – –

(1) auf einem grasbewachsenen Hügel zum Beispiel. Es ist ein Hügel, nichts weiter,
wären da nicht hauchdünne Antennen, die darüber ragen, hinter dem Hügel – – – ist eine
ganze Stadt verborgen? Nichts als ein Hügel, wäre da nicht

der verneinte Konjunktiv.
Alles war schon da, als er hinzukam,
und er kam nicht hinzu, zu rufen hier, sieh!; gar hämisch zu fragen hast du es immer noch
nicht gesehen?

(2) die Wolke, die sich zwischen zwei schwarze Gebüsche schiebt, wäre sie nicht weit
dahinter – plan ist der Abzug, plan! – wäre da nicht ein Drittes,

(3) ein Gebäudeskelett, ein Himmel, wäre da nicht ein Windrad, unscharf. Es stimmt
nicht, zu sagen es bewegt sich. Es stimmt nicht, weil wir es nie so sehen?

(4) Eine Sandburg bei Nacht, vielmehr, ein weiter Mauerring mit Türmen, wäre da nicht
dieses grelle Licht. Autoscheinwerfer? Wäre da nicht ein schwarz und hungrig sich
faltendes Meer. Verlassen, die Burg ist verlassen worden, und dann kommt ein anderer,
kommt und leuchtet sie an. Als Kind war ich eifersüchtig, weil ich schon wusste, dass
blinkende Lichter auf dem Meer nicht mir gelten. Dass sie nichts bedeuten,

(5) nichts bedeuten als: einer war da, der sie anmachte und dann abdrückte.
Über Laibach
steht eine Wolke
und wo stand er?

(6) Unter einer Brücke, ein kühner Schnitt weißer Himmel. Dass unter Brücken das
Verbrechen lauert. Entführter Unternehmersohn im Hohlraum unter der Straßenführung
einer Brücke angekettet, zwei Wochen lang, das Klopapier ging ihm aus.

(7) Zerknüllte Laken, da lag einer drin. Oder waren es zwei? Ging es ihm schlecht? Oder
ihnen besonders gut? Kann ich diese Fotos sehen, ohne an den Osten zu denken?

(8) Rosenblätter, weiß, ein feuchter Hohlweg, schwarz. Blätter wie ein zerfleddertes
Laken, intim der Blick, einer ist hinzugekommen und hat sie gesehen, nach einer
unordentlichen Nacht, hat ein Bild gemacht, und jetzt bin ich der eine –

(9) Wie viele sind es ? Badende, und sein Standpunkt (his point of view) war über ihnen.

(10) Eine Waldwiese, ein Sendemast. Es ist der Blick der Spätromantik, junge Gesellen
sind noch unterwegs. Warum scheint die Wolke zeitgemäßer als der Mast? Ein Bild aus
der Zeit gepickt – etwas könnte kommen, ein Wetter, die Dunkelheit.

(11) Wenn man Bus fährt und eine Rechtfertigung dafür sucht, das man so früh
aufgestanden ist und so unbequem reist,

(12) in billigen Hotels absteigt, auf dem Schirm ein Testbild, es gibt keine Testbilder mehr.
Faltige Tapeten, ein windiges Laken, der eigene Schlafsack: Heimat; Akkus sind
aufzuladen.

(13) Hof in Vilnius, Hamallah in Taschkent, das bisschen Erde, auf dem die Menschen in
schönen Häusern leben, wird immer weniger, je weiter wir reisen. – Wäre da nicht –
stünde da nicht – einer unterm Baum.

(14) Und Margeriten auf dem Armaturenbrett, gespiegelt im Fenster, darin der Himmel.
Wäre da nicht die narbige Struktur der Armaturenoberfläche, der menschlichen Haut
nachgebildet, aus schwarzem Plastik.

(15) Ein Hohlweg zum Strand. Es fehlte die Rückenfigur der romantischen Landschaft,
wäre da nicht diese matte, dieser verwesenden Laufsteg,

(16) weiter, Tallin, es ist, als käme aus jedem Erdhaufen ein Hochhaus, wäre da nicht –

(17) Ein peinlich langer Stall in Ungarn, geliebtes Puszta-Land, brannte da nicht
(brännte, sägte ich gerne), da nicht ein einziges Licht unter dem Reetdach.

(18) Und weiter, ich beginne, zum das überzugehen,
weißt du noch, das Haus in Narva
jene Küchentür
der helle Klinker,
unsere Küchentür in Moskau,
identisch bis zum Fenstergitter, sonnenstrahlengleich,
und war da nicht
eine halbe Ratte, als –
die Fenster im Klinker, oben vernagelt, unten vergittert, vermauert,
und wäre da nicht
das umgedrehte Kreuz, Satan, ist das der Grund, warum er stehen blieb, abdrückte –

DER VERNEINTE KONJUNKTIV, möglich war es nicht, das was auf dem Foto ist,
es war.

Ich wünsche Ihnen nun, zu sein. Vor den Bildern. Für sich, bei sich oder mit uns.