Fotografie jenseits der Plapperästhetik

Befinden wir uns in einer Zeit grundlegenden Wandels der Weitsicht? Beschert uns tatsächlich die junge Generation begabter Fotografen in Deutschland eine Fotografie neuer Lässigkeit? Folgt nach der Zeit der fotografischen Saubermänner nun das Zeitalter der aus der Hinterhand schlagenden Spontis, die weniger ihren Augen als vielmehr den Schwingungen ihres Psychosympathicus vertrauen? Man kann Trends auch herbeibeten. Keine Frage, der Zeitgeist beschert uns ein Comeback der Schlampigkeit, eine Schlabber- und Plapperästhetik, die vom RTL-Verbund des kichernden Dödelfernsehens in die Wohnstuben gepreßt wird.

Interessanter als all die schmissig aufgebrezelten Duft- und Düsterstoffe sind jedoch jene Bilder, die ein Stück Lebensgefühl der jungen Generation mit Dringlichkeit, ja mit Herbheit und formaler Schärfe – und ohne dieses kindische Jugend-trainiert-für-den-Karneval-Feeling transportieren. Angesichts eines erstaunlich hohen Grades an Wachheit, mit dem nach der alltäglichen Verdrängung der deutschen Realitäten gefragt wird, kann von der angeblich politikverdrossenen, hedonistischen Techno-Generation nämlich überhaupt nicht die Rede sein.

Genauso verhält es sich mit den Fotos von Göran Gnaudschun, der in Potsdam lebt und noch an der Hoch-schule für Grafik und Buchkunst, Leipzig studiert. Gnaudschun besetzt eine deutsche Position der Fotografie der Gegenwart, die bereits Furore zu machen beginnt und sich doch nicht unter den Deckel der „New German Photography“ pressen läßt, weil ihre Bilder weder dafür taugen, den Stempel nationaler Repräsentanz zu tragen noch zusammengestrudelt werden können mittels buchmarktstrategischer Loopings. „Ich will Konzentration, Verdichtung und nicht Auflösung, Beliebigkeit“, schreibt Gnaudschun, und das klingt fast wie eine Kampfansage.

Göran Gnaudschun stellt mit „LONGE – 44 LENINGRAD“ einen erzählerisch angelegten Szene-Report vor, der den Innenblick des Punks und den beobachtenden Blick des Dokumentaristen zur Deckungsgleichheit bringt. Die Fotos vom 96er-Stressalltag der Potsdamer Band „44 LENINGRAD“ rekonstruieren die Höhepunkte des Tour-Gefühls als eine Gegenspur zur Normalo-Existenz, aber auch als Ausnahme von der allgemeinen Punk-Regel. Irgendwo in den ostdeutschen Provinzen zwischen Hoyerswerda und Riesa ist endgültig Schluß mit der schlierigen BRAVO-Süßigkeit und dem Fotografen und Gitarristen der Band bleibt nichts anderes übrig, als aktiv teilzuhaben am zu Boden gezwungenen Spaß in der Sackgasse.

„44 LENINGRAD“ spielten zwischen 1992 und 1996 so, als ob man ein russisches Estraden-Ensemble auf Droge gesetzt hätte. Während noch ein Schifferklavier im imaginären Birkenwäldchen jammert, wird die Heimatmelodie gemeuchelt von Gitarren-Sperrfeuer und einem Schlagzeuger, dem scheinbar nichts wichtiger ist, als mit Karacho einer wildgewordenen Schar besoffener Budjonny-Reiter hinterherzustürmen. Die Band nennt diese Art der Totalverausgabung „Russian Speed Folk“. Klar, daß mit Vorliebe in Russisch gegrölt wird und auch säuseliger Balalaika-Klang die „Partisanen vom Amur“ nicht weich zu betten vermag. Das, was Lenin mit dem sich selbstverteidigenden proletarischen Staat meinte, hier findet die Abschußphase der Katjuschas ihren metalverseuchten Klang. Ist deshalb „44 LENINGRAD“ eine freiwillig russifizierte, nostalgische Ostzonengruppe mit Hang zu stalinistischer Phrasierung? Haben wir es hier mit praktiziertem Anti-Amerikanismus zu tun? Nie und nimmer. Die Fotos von Göran Gnaudschun sind das Leporello zur Permanenz des Stilbruchs, so wie die Band und ihre Freunde ihn leben – als Gratwanderung zwischen diamantharter Individualität und Sehnsucht nach wärmenden Gruppenaktivitäten.

„Ich benutze die Fotografie, weil mir der Wirklichkeitsverweis wichtig ist. Klar lügen die Bilder, alle. Sie sind nur subjektive Sichten auf die Welt. Aber ich kann mich nicht von diesem direkten Bezug auf das, was draußen ist, trennen.“, sagt Gnaudschun.
Man sieht es den Fotos an, daß sie, wie der Künstler betont „nur im Osten Deutschlands von einem gemacht sein können, der direkt dabei war.“ Die Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit der fotografischen Perspektive ist Gnaudschuns Trumpf. Das Mitmachen in der Band gibt den Fotos einen rauhen Sound, street credibility eben – es lenkt ab, schärft aber auch den Blick und akzentuiert Problemsituationen. Diese Fotos haben eine Textur, die mehr hergibt als etwa eine bebilderte Bandgeschichte mitzuteilen in der Lage wäre. „LONGE – 44 LENINGRAD“ spricht eine Art nichtkorrumpierter Sprache jenseits der Worte und spielt sich auf einem atmosphärischen Plateau ab, das suggestiv und distanzierend zugleich wirkt. Gnaudschuns Bilder, verklammert zwischen Kameraobjektiv und Gitarrensaite, brauchen kein Interpretations-Feedback, weil ihnen bereits ein ungewöhnlich weites Bewußtsein für sinnfällige Verbindungen musikalisch eingeschrieben ist.

Christoph Tannert (Juli 1998)

Anmerkungen:
Sämtliche Zitate stammen aus einem Brief (vom 11.7.98) von Göran Gnaudschun an den Autor