Plastik-Punk: Göran Gnaudschun

… Göran Gnaudschun ist sozusagen der Anti-Goedicke. Nicht die kühle Eleganz des entblätterten Duschgels sieht man bei ihm, sondern tagebuchartige Fotoskizzen. „Longe“ heißt Gnaudschuns Fotoessay von 1996 – über eine Band, mit der der Fotograf zusammen getourt ist, deren Mitglied er offensichtlich war. (1)( 44 Leningrad hieß die Gruppe. Ihre Musik: „Russian Speed Folk“, eine Mischung aus wildem Punk und russischer Volksmusik, lärmenden Gitarren, Balalaika, Schifferklavier. Ihre Welttournee führte sie fast überall hin – überall zwischen Hoyerswerda und Riesa zumindest.

Gnaudschun erzählt mit der Kamera die Geschichte dieser wilden Jahre, konzentriert sich aber nicht auf die mehr oder weniger glamourösen Momente, in denen 44 Leningrad tatsächlich auf der Bühne stehen, sondern auf die Erfahrungen des Unterwegsseins im Auftrag des Rock’n’Roll: die Exzesse, die Langeweile, das Eindösen in einem Schlafsack irgendwo zwischen Kabeln und Instrumenten. Hier geht es um die Romantik solcher Momente, wenn über dem kunstvoll eingefärbten Irokesenschnitt die Sonne dort untergeht, wo diese Bilder auf keinen Fall ihren Ursprung haben: im Westen. Diese Fotos, sagt Gnaudschun, „könnten nur im Osten Deutschlands von jemanden gemacht sein, der direkt dabei war.“

Wenn man heute diesen Essay ansieht, muss man erst einmal ein instinktives Misstrauen gegenüber dieser Form der Fotografie überwinden. Zu rasch entsteht das Gefühl, dass das doch alles irgendwann schon einmal da war. Dieser Authentizitätskult, diese Intimität, dieses Fotografieren einer Subkultur von innen und nicht von außen, von einem Fotografen, der mitmacht und mitleidet. Nan Goldin und Wolfgang Tillmans, um nur die zwei offensichtlichsten Namen zu nennen, sind damit zu Weltstars geworden. Tillmans hat sich dann weiter bewegt, Goldin scheint heute nur mehr ihren eigenen Mythos zu pflegen. Es gibt eine wirklich konzeptionelle Schwäche, so scheint es jetzt, in dieser Form der Fotografie. Bei Goldin etwa: Die sagte fortwährend, dass sie mit ihrer Kamera die wahre, die einzig wahre Geschichte ihrer Freundinnen und Freunde erzählen würde. Gleichzeitig teilte sie aber auch immer mit, dass sie mit ihrer Kamera eine Liebeserklärung schaffe an eben diese Protagonisten ihrer Fotos. Was denn nun? fragte man sich da – wahre Geschichte oder Liebeserklärung? Und der Widerspruch spiegelt sich in den Bildern. Wenn das alles so authentisch ist, warum gibt es dann keine bösen Menschen bei Goldin? Warum gibt es, das hat Ulf Erdmann Ziegler korrekt angemerkt, keine Menschen, die arbeiten, um Geld zu verdienen? Warum ist alles Emotion und nichts Routine? Diese offenen Fragen haben die Intimitätsfotografie ziemlich naiv aussehen lassen.

Gnaudschun aber ist ein bisschen vorsichtiger als Nan Goldin. Mit Liebeserklärungen oder Authentizitätspredigten hält er sich zurück. „Klar lügen die Bilder, alle“, schreibt er in „Longe“. „Sie sind nur subjektive Sichten auf die Welt. Aber ich kann mich nicht von diesem direkten Bezug auf das, was draußen ist, trennen.“ Auch fotografisch-thematisch bleibt er diszipliniert: Wirkliche Exzesse gibt es in „Longe“ kaum, Gnaudschun stößt nicht in tiefste Intimitätszonen vor. Sex kommt nicht vor, die einzige Droge ist Alkohol, einmal wird jemand von hinten beim Pinkeln fotografiert: Das ist schon alles. Ihm geht es nicht um tabulose Skandalschüsse aus der wilden Welt der Punks. Er behauptet nicht, dass dies das glückliche, wilde Leben per se ist. Fotografisch macht er deutlich: dies ist Ausnahmezustand. Hier geht es mehr um den Traum vom Exzess als um den Exzess selbst. „Longe“ heißt das Buch – wie an einer Longe bewegen sich diese Jugendlichen im Kreis um die Manege, die man Ostdeutschland nennt. Also ist auf dem Titelbild auch kein echter Punk zu sehen und kein echter Ossi – es weiß ja ohnehin keiner, wie man so etwas fotografieren könnte. Stattdessen ist da ein Mensch aus Plastik. Auf der Bühne – ausgestreckt wie besoffen: Pinocchio, ein künstlicher, konstruierter Kunststoff-Mensch lange vor der Cyber-Ära, immer auf der Suche nach dem, der ihn zu dem, was er ist, gemacht hat.

Zu wissen es ist Plastik: Bei Gnaudschun ist der Satz zentral. Er setzt die Stilmittel des Nahdranseins durchaus ein, das Rohe, Rauhe, Wilde, verwendet dabei aber fortwährend Signale, die andeuten, dass dies nur eine Geschichte unter vielen ist. Nicht das bessere Leben. Nicht die bessere Welt. Sondern nur die Fiktion von Wildheit und Dabeisein. Ein Fiktion, die aber nur Göran Gnaudschun so erzählen kann. Weil er dabei war. Denn wenn auch alle Bilder lügen, eins wird immer echt sein: der Blick des Fotografen.

Christoph Ribbat, Ausschnitt aus dem Text „Zu wissen, es ist Plastik“ aus „Perspektive Dokumentarfotografie“ der Wüstenrot-Stiftung , 2002

(1) Göran Gnaudschun, Longe (Potsdam: Land Brandenburg Lotto, 1998).