Rede zu Peter Oehlmann | Göran Gnaudschun

Göran Gnaudschun
Rede zur Ausstellungseröffnung von Peter Oehlmann
Georgien. Wege und Bilder | 22.03.2018 | Fotogalerie Friedrichshain

 

 

Von Prometheus berichten vier Sagen: Nach der ersten wurde er, weil er die Götter an die Menschen verraten hatte, am Kaukasus festgeschmiedet, und die Götter schickten Adler, die von seiner immer wachsenden Leber fraßen.

 

Nach der zweiten drückte sich Prometheus im Schmerz vor den zuhackenden Schnäbeln immer tiefer in den Felsen, bis er mit ihm eins wurde.

 

Nach der dritten wurde in den Jahrtausenden sein Verrat vergessen, die Götter vergaßen, die Adler, er selbst.

 

Nach der vierten wurde man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde, die Adler wurden müde, die Wunde schloß sich müde.

 

Blieb das unerklärliche Felsgebirge. – Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären. Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muß sie wieder im Unerklärlichen enden.

 

Franz Kafka, 1918

 

Peter Oehlmann, 1953 in Altenburg geboren, hat einen anständigen Beruf: Industriefotograf. Trotzdem studiert er. Fotografie. Bei Evelyn Richter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Er will weiterkommen. Betriebsfeste und die Abbildung von Gegenständen sind nicht sein Metier. Er will sich künstlerisch ausdrücken. Seine Arbeiten kreisen seitdem meistens um Gegenden, um Orte und um die Atmosphäre, die sie ausstrahlen. Zum Teil sind es sachlich fotografierte Stadt- und Dorflandschaften. Sie tragen es schon im Titel: Anhalt (1996–1999), Boston (2001) oder Ostrava (2004–2005). In allen genannten Arbeiten ist es ein klarer und faszinierend präzise komponierter, zurückhaltender, manchmal auch nüchterner Blick auf Gegenden, die sich im Umbruch befinden, die randständig oder von einer fast brutal wirkenden Normalität gekennzeichnet sind. Andere Arbeiten, wie die Winterreise (2005–2009) oder seine legendären Graulandbilder (1986–1988), sind eher poetisch, verrätselnd, unklar und setzen auf das Vage, auf das Gefühl, auf die Assoziationen des Betrachters.

 

Zwischen 2015 und 2017 bereist Peter Oehlmann mehrmals Georgien. Er ist, man kann es durchaus so sagen, fasziniert von dem Land. Von den Menschen und der Landschaft, von dem Archaischen und dem Unkomplizierten, das sich dann als Irrtum herausstellt, soweit nimmt er sich in seiner Aussage zurück, je mehr er das Land kennenlernt. Er mag die Länder, die gerade Transformationsprozesse durchlaufen, in denen man das Gefühl hat, dass es nicht mehr lange so bleiben wird. Und alle verzweifelten Versuche, etwas zu bewahren, führen bei dem, der diese Prozesse kennt und sie als prägend erlebt hat, zu verhaltener Melancholie und leiser Wehmut. So könnte man Wege und Bilder lesen.

 

Es ist natürlich immer auch die Faszination an der Fremde, man reist oft aus schlichter Neugier. Die Fremde hat den Zweck, uns zu einem Perspektivwechsel zu verhelfen. Vieles kommt uns auch in anderen Ländern bekannt vor: die Städte mit Straßen und Menschen, die darauf Auto fahren oder an deren Rändern entlanglaufen, die Häuser, die die Straßen säumen, und vor den Städten befindet sich meistens Industrie oder Vegetation zum Beispiel.
Wir wollen aber den Unterschied spüren zu dem, was wir kennen: wir wollen das andere Licht, die andere Geschichte, die fremden Sprachen, Gerüche und Speisen erfahren. Wir brauchen den Abstand zur vertrauten Welt von Zeit zu Zeit, um das eigene Dasein wieder einordnen zu können. Um unterwegs auch wieder uns selbst zu finden. Vieles auf Reisen bleibt vage und unerklärt, besonders, wenn man die Sprache nicht versteht. Peter Oehlmann nennt es den Lost in Translation-Effekt, man sieht Dinge anders, deutet sie vielleicht sogar falsch, fährt in Gegenden, in die man gar nicht hinwollte und kommt dort zu einem Bild, das einen überrascht, das für sich steht und keine Übersetzungsleistung benötigt.

Georgien ist das östlichste Land Europas. Gefühltermaßen. Geografisch eindeutig dem asiatischen Kontinent zugeordnet – Tbilissi liegt einen halben Längengrad östlicher als Bagdad – gehört es kulturell zu Europa. Zwar randständig, aber eingebunden in die griechische Welt, in das römische Imperium, in das byzantinische Reich, fühlte es sich eher dem Westen als vielleicht den Persern zugehörig. Christianisiert im Jahre 377 blickt es auf eine längere Glaubenstradition zurück als das abendländische Deutschland. Und wenn man dem französischen Philosophen Levy folgt, ist ja Europa ohnehin kein Ort, sondern eine Idee. Natürlich hatten die früheren kleinen Länder Kolchis und Iberien immer wieder neue Herren: Araber, Perser, Römer, Byzantiner, Seldschuken, Türken, wieder Perser und dann Russen. Trotzdem haben sie ihre Eigenheiten bewahrt. Vielleicht macht das auch einen Teil der Melancholie aus, die Oehlmann empfindet. Globalisierung scheint umfassender als bloße Besatzung zu sein.

 

In diesem Land ist er der Reisende, nicht Dokumentarist, sondern eher Flaneur. Er sieht etwas, es entstehen vage Impulse, er löst die Kamera aus, schafft Bilder, die dann für mehr stehen, als man unmittelbar wahrnimmt, die sich verdichten zu einer bildnerischen Aussage in der einzelnen Fotografie und die dann ineinandergreifen in der ganzen Arbeit. Er sieht die Welt in Ausschnitten, in Bruchstücken, fragmentarisch, also ohne Vollständigkeit: ein Gefühl, ein Blick, ein besonderes Licht oder die überraschende Ordnung von Wirklichkeitsbestandteilen. Dicht beieinander sehen wir Rost und Pomp, Tradition und Kitsch, Erhabenes und Improvisiertes. Immer ist es mehr die Stimmung, nicht das Faktische, was ihn interessiert.

 

Peter Oehlmann ist Bruchstellensucher, sieht genau hin, wenn sich etwas auftut, wenn es Risse gibt. Dafür bereist er nicht nur die faszinierend schönen Seiten Georgiens, sondern fährt auch dahin, wo die unverputzte Rückseite der Landschaft zu sehen ist. Industriebrachen und Schrotthalden inklusive. Auf meine Frage hin, welches Bild von Georgien er denn eigentlich zeichnen will, so vielgestaltig, wie die Blickwinkel sind, meint er: Es ist die falsche Frage! Nie würde er sich anmaßen, dieses Land zu verstehen und uns Betrachtern zu erklären.

 

Wenden wir uns, um genauer zu sehen, verschiedenen Bildern zu:

 

Gergeti, bei Stepantsminda. Steinplatten, etwas heller als der bedeckte Himmel, dessen Wolken in der Höhe des Betrachters, also des Fotografen, in der Ferne die Bergspitzen verdecken. Eine Wand großquadriger Steine, überzogen von roten und grünen Flechten, begrenzt nach links den Bildraum und öffnet ihn zur Landschaft hin. Gergeti ist eine Kirche, Wallfahrtsort, malerisch auf einem Berg gelegen. Man blickt auf ein Tal, auf einen Fluss, eine Ortschaft mit Häusern und Straßen, dahinter steigen Berge auf. Zwei Frauen stehen am Rand des Gebäudes kurz vor dem Abgrund. Obwohl Abgrund vielleicht das falsche Wort ist für den bunten Rock und den Strohhut der einen und das Basecap und die um die Hüfte gebundene Jacke der anderen. Die sind nicht von hier. Und: Touristen stehen nicht am Abgrund. Niemals. Sie schauen sich einfach mit Interesse alles an. Die Strohhutfrau sieht in die Landschaft und CDF lässt grüßen. Die Basecapfrau breitet die Arme aus, als würde sie die andere segnen. Wahrscheinlich gestikuliert sie nur gerne zum Ausdruck ihrer Begeisterung. Oehlmann hat geschickt den Moment abgepasst, in dem sich die Schulter der Strohhutfrau vor das Gesicht der Basecapfrau geschoben hat. So werden die Personen nicht zu bildbestimmenden Persönlichkeiten mit eigenem Wesen, nein, sie bleiben Statisten. Peter mag Menschen, will sie aber nicht fotografieren, sondern lieber kennen lernen. Abgesehen von abgebildeten Abbildern auf anderen Fotografien gibt es oft nicht mal Statisten. Trotzdem sind seine Bilder nicht menschenleer, er meint, es wimmelt nur so von ihnen. Nichts auf den Bildern sähe ohne ihren Einfluss so aus, wie es aussieht. Ihn interessieren ihre Spuren, die rührenden und scheußlichen Versuche der Menschen, in der Welt heimisch zu werden. Manifestationen ihres Tuns, nicht sie selbst. Unser Blick geht zu den Frauen, aber wir erfahren nichts über sie, außer dass sie sich unterhalten. Es geht nicht um die Frauen, es geht nicht um den Ort. Oehlmann mag auch Landschaft, aber er muss sie nicht fotografieren, sondern er will sie lieber durchlaufen. Die Berge sind dort überall schön. Es geht um das Bild. Form, Fläche und Farbe. Und um das, was es beim Betrachter auslösen kann.

 

Prometheus. Der Adler. Der Berg. Und unten stehen Autos. Oben der Kasbek. Zeus war ohnehin schon sauer auf ihn, wollte er ihn doch beim Opfern betrügen. Und dann kam noch die Sache mit dem Feuer: Die Menschen waren wie im Paradies, ohne Bewusstsein stolperten sie durch die Welt, ohne Verständnis für die Dinge um sie herum. Ahnungslos, ein bisschen dumm, vielleicht aber glücklich. Prometheus konnte nicht mit ansehen, wie die Menschen hinter ihren Möglichkeiten blieben. Er wollte sie davon erlösen und man kann davon ausgehen, dass die Schlange im biblischen Paradies eine ähnliche Funktion hatte. Prometheus brachte ihnen das Bewusstsein. Er lehrte sie alles: Sprache, Sterne beobachten, Ackerbau und Organisation. Fehlte nur noch das Feuer, das er sich vom vorbeirasenden Wagen des Sonnengottes Helios holte und den Menschen brachte. Zeus tobte. Das war für die Menschen nicht vorgesehen. So wurde Prometheus an den Berg Kasbek gekettet und jeden Tag kamen die Adler, um von der immer wieder nachwachsenden Leber des Helden zu fressen. Vielleicht hängt Prometheus da immer noch und Herakles, der ihn eigentlich später befreien sollte, hat nur geflunkert und seinen Job nicht gemacht. Prometheus, der müde Titan, vergessen von allen. Und die Menschen fahren inzwischen mit Autos umher. Sein Feuer lodert in der Zündung ihrer Gefährte.

In Gergeti gibt es einen Parkplatz. Dort halten alle, die den Kasbek im georgisch-russischen Grenzgebiet sehen wollen – wenn er mal zu sehen ist, bei all den Wolken. Sie könnten Prometheus huldigen, ihm dankbar sein. Sie machen es nicht. Sehen nicht mal hoch. Vier Männer sind an unterschiedlichen Autos zu sehen. Einer inspiziert bei aufgeklappter Fronthaube den Motor seines Lada Niva. Der andere scheint etwas im Staub des Parkplatzes entdeckt zu haben. Der Dritte steckt seinen Kopf in sein Auto und der Vierte dreht uns den Rücken zu und sieht nach unten. Wahrscheinlich auf sein Handy. Allen entgeht, dass die Wolken weg sind und man den Berg, den mythenumwobenen, plötzlich sieht.
Die Menschen haben zwar das Feuer, aber so viel mit sich zu tun, dass ihnen das Großartige entgeht. Vielleicht sind sie mit ihrer Selbstvergessenheit mehr bestraft als Prometheus, den die Götter vergessen haben und der immer noch dort oben hängt. Er ruft nicht Sehet her, ich bin’s, Prometheus, der Euch alles lehrte, denn er weiß doch, dass es bei den Menschen am Ende nur um Schnickschnack und nicht um Erkenntnis geht. Er selbst würde gern ein Bierchen zischen, Adler eingeschlafen und Leber wieder nachgewachsen. Wenn bloß die Ketten nicht wären. Und die Menschen? Kümmern sich um ihren Kleinscheiß, wie man es auf Oehlmanns Bildern sehen kann. Parken auf mehreren Treppenstufen, basteln lieber als zu gestalten, schaffen halbe Sachen, so gut es eben geht und mögen Stalin (Vorsicht, nicht alle!), weil er sie irgendwie vage an den Göttervater Zeus erinnert.

 

Medea hat üppiges Haar und schöne Brüste. Damit man sie auch als solche erkennt, ist hinter ihr das Schiff der Argonauten mit einem Widderkopf reliefiert.
Diese wollen das goldene Vlies erst holen, tragen den Kopf aber schon siegessicher als Zeichen auf ihrem Segel. Sie reiten als Bande von Abenteurern in Kolchis ein. Verwegen und sexy. Medea macht das so wuschig, dass sie ihren Vater verrät, ihren Bruder tötet für einen Hallodri wie Jason, der sich mit ihr, dem Fell und seinen Kumpanen grinsend auf den Heimweg macht und sie dann zu Hause bei der erstbesten Gelegenheit mit einer anderen verlässt. Sie tötet die gemeinsamen Kinder, um ihm eins auszuwischen. Er bringt sich daraufhin um, während sie auf Helios’ Götterwagen (ja der, von dem auch Prometheus das Feuer hat) entschwindet. Wenn man die Sage unbeachtet aller inneren Konflikte so zusammendampft, bleibt kaum was übrig vom Mythos der Medea als selbstbewusste Heldin. Kleinscheiß eben.

 

Das ist das, was auf vielen Fotografien von Peter Oehlmann zu sehen ist. Er zeigt im besten Sinne Schönheit und lässt im benachbarten Bild die Luft raus. Manchmal auch im selben. Die schleiertanzenden Frauen – was für ein anmutiger Anblick – werden entwertet von dem Mann, der sich gebückt durch die Reihen schleicht, um anderen nicht übermäßig die Sicht zu versperren. Wahrscheinlich muss er mal aufs Klo. Daneben das Bild von den Schwänen am hexagonalen Brunnen aus Beton. Es gibt mehr Kleines als Großes auf dieser Welt. Wir sollten uns Hölderlin sparen und auf Stalin schauen! Oder vielmehr auf das Bild von ihm mit seiner Tochter, Svetlana. Die Hand, die seine Tochter umschultert, ist durch die fotografische Perspektive doppelt so groß wie die funktionslose, lasch herabhängende. Peter setzt Väterchen Stalin durch die Wahl des Kamerawinkels eine wolkenförmige Reflektion ins Gesicht, so dass unsere Aufmerksamkeit bei Svetlana ist. Schaut sie nicht ein wenig zu listig aus dem Bild heraus? Sie wird ihn verraten, wenn er schon tot ist. Lässt sich heimlich orthodox taufen, und später wird sie sich in die USA absetzen.

 

Medea sollte noch irgendwas in die Hand bekommen. Es ist nicht mehr da, oder war niemals da. Stattdessen wurde Putz in das Loch darüber geschmiert. Über ihr ist der rostige Mast der Eisenbahnoberleitung und in der Nacht ist sie schlaflos wegen dem Halogenstrahler, der ihr direkt ins Gesicht leuchtet.

 

Oehlmann lässt die Luft raus. Manchmal. Das ist positiv, weil bei ihm dadurch ein liebevoller Blick entsteht. Er hat den Sinn für das Kleine, für das Detail, für all das, was uns umgibt, was aber selten beachtet wird. Er betrachtet es: zugewandt, verwundert und manchmal auch amüsiert. Er wertet es auf. Der Kleinscheiß ist das Leben und das Leben besteht aus Details. Das Große ist dahinter und tritt manchmal hervor.

 

Oehlmanns Bilder handeln von Georgien, vom Osten, von der postsowjetischen Zeit. Wo es noch immer um das Scheitern der großen Entwürfe geht. Zu prägend war die Zeit davor. Es geht um den Widerspruch zwischen Gedachtem und Gemachten. Um das was übrig bleibt. Das macht oft die Melancholie aus, die er meint, weil das Denken an Gestern, nun, da es so rostig geworden ist, auch nicht mehr in die Kindheit führt. Manchmal sagen seine Bilder: Schade, eigentlich.

 

Und nach dem Scheitern kam das Vergessen: Prometheus wurde der Verrat vergessen, die Götter vergaßen, die Adler, er selbst. Danach wurde man des grundlos Gewordenen müde, die Adler wurden müde, die Wunde schloss sich müde. Wenn alles gesagt ist, wenn alles durchlitten ist, bleibt die pure, am Ende doch unerklärliche Realität übrig, die wir in Oehlmanns Bildern sehen. Das Felsgebirge.

 

Ich möchte verreisen. Dorthin. In diese Realität. Nach Georgien. In das Land, in dem an verdorrten Ästen noch prächtige Kakifrüchte wachsen.