Vom Sinn der Erscheinung

„Es gibt keinen Sinn hinter der Erscheinung, sondern nur der Erscheinung.“ (Georg Simmel)

… Was aber ist die Erscheinung? Göran Gnaudschun zeigt uns Gesichter. Sie sind frontal aufgenommen, formatfüllend, aus vergleichbarer Entfernung zum Objektiv. Wir sehen sie in ein weiches, schlagschattenfreies, undramatisches Licht getaucht, nicht grimassierend, aber auch nicht in Posen versetzt. Die Hintergründe sind ruhig, aber nicht studioneutral und auch nicht von milieubezeichnender Genrehaftigkeit. Es dominieren die Augen und die stillen Blicke, die frei, beinahe abwartend auf uns gerichtet sind. Das alles wirkt seltsam unausgesucht, zumal es unbetitelt bleibt. Die Portraits heißen nicht Svenny, Christine oder Maik. Und doch bleiben die Gesichter nicht anonym, weil in der unmerklichen Anstrengung des Fotografen und seines Gegenüber die Verabredung eingehalten scheint, sich gegenseitig nichts vorzumachen. Beide versuchen, kenntlich zu werden in einer seltsam beruhigten, korrespondierenden Gefasstheit. Die Augen vor und hinter dem Objektiv scheinen auf die Unterschiede der Perspektive eingestimmt zu sein. Alles Verweisende, alles den konzentrierten Augenblick Übertretende ist deshalb vermieden, so dass die Gesichter aus sich selber und über sich hinaus leuchten. Das Gesicht wird zum Antlitz und das Antlitz zum Bildnis. Das Bildnis, die Erscheinung, versöhnt die Differenz zwischen Gestalt und Bildgestalt, und zwar in der Abstraktion einer konkreten Ordnung des Gefühlsausdrucks. Bei Göran Gnaudschun ist das der Ausdruck des Unbeeinträchtigten und von Innerlichkeit, vor allem jedoch: in der Bildordnung der Ausdruck von Würde.

Die Frage nach dem, was man da sieht, zieht dann auch konsequent die dringlichere Frage nach sich: Was sieht man eigentlich nicht? Um das zu ermessen, muß man sich bloß noch einmal bewußt machen, welch ungeheure Gefahren in dem Thema lauern: Das Elend einer Kindheit hätte in Verlustmetaphern oder in Attributen der Verlorenheit herausgestellt werden und dazu verführen können, die Enpfindsamkeitsdrüse des Publikums zu reizen. Man hätte die politisch korrekte Fahndung nach dem auslösen können, was in den Gesichtern gar nicht ist, sondern über sie hinweg die Physiognomie der Gesellschaft zeichnet, um die Fotografien allein am Gegenstand zu adeln und so auch unangreifbar zu machen, eine Heroisierung der menschlichen Versehrtheit, förderungswürdig schon als reportierende Sensibilisierung des schlechten Gewissens – natürlich auch von Juroren.

Göran Gnaudschun jedoch hat das alles vermieden, und dafür sind wir ihm dankbar. Er hat die Gesichter nicht durch die Demonstrationen eines Konzeptes verfremdet und auch nicht die Macht des Details individualisiert, die Macht der Pore, die Macht des Leberfleckes, und er hat sie nicht monumentalisiert, wie etwa Thomas Ruff in seinen Köpfe-Serien aus der Nahsicht, die in anverwandelten Herrschaftsposen das Publikum erfolgreich ausrichten. Nichts davon ist hier zu sehen. Etwas programmatisch Zurücknehmendes kommt vielmehr zum Ausdruck, das die eingangs aufgestellte Behauptung, auf die ich jetzt zurückkommen möchte, belegt: Gnaudschuns Bilder erinnern an all das Gesagte und an all das Verneinte, ohne es jedoch zum Thema, zum „Sinn der Erscheinung“ zu machen. Seine Bilder leben von diesen Auslassungen, von diesen Fehlstellen, von einem Phantomschmerz, vom Vorhandensein abwesender Möglichkeiten.

Mich faszinieren diese Portraits also, weil sie mich völlig verunsichern. Denn sie lassen mich ständig im Ungewissen drüber, auf welcher Ebene der Begegnung zwischen Motiv und Bild ich mich gerade befinde. Gnaudschun trifft hier mit erschreckender Leichtigkeit in die Mitte einer fast unauflöslichen Problematik der Portraitfotografie, die eine Problematik komplexer Funktionsüberkreuzungen ist. Der französische Soziologe Roland Barthes beschrieb sie, den Simmelschen Grundsatz subjektivierend, so: „Vor dem Objektiv bin ich zugleich der, für den ich mich halte, der, für den ich gehalten werden möchte, der, für den der Photograph mich hält, und der, dessen er sich bedient, um sein Können vorzuzeigen.“ Gnaudschuns Können besteht nun darin, sein Können in diesem Sinne eigentlich nicht erweisen zu wollen und sich, wie wir sahen, des Motivs eher nicht zu bedienen. Es ist, als ob er die beiden letzten Ebenen, von denen Barthes spricht, zurückgedrängt hätte, und als ob die Portraits gerade in ihrer Zurückhaltung und Eindringlichkeit sagen sollen: Ich bin nicht mein Bild und mein Bild bin nicht ich. Weiter sogar: Ich bin nicht mein Gesicht und mein Gesicht bin nicht ich. Ja, härter noch: Ich bin nicht mein Bild, obgleich mein Ich ein Bild ist.

Um dieses verschwiegene Sagen, dieses Bekenntnis zum Ich als Bild, macht auch die emotionale Qualität dieser Fotografien aus. Sie führen mich unmittelbar zu mir als Betrachter zurück, weil sie mich in die Erfahrung des immer Vermittelten unserer Wirklichkeitsvorstellungen einschließen. Und wenn das gelingt, hat man es mit Kunst zu tun, trete sie auch so leise auf wie hier.

Michael Freitag

Ausschnitt aus der Rede zur Verleihung des Arbeitsstipendiums für Fotografie der
„LAND BRANDENBURG LOTTO GMBH“

27. 03. 2002