Wer kennt das merkwürdige Gefühl nicht?

Laudatio für Göran Gnaudschun
von Klaus Honnef
1. Kunstpreis für Bildende Kunst – ausgelobt von pro Brandenburg e.V.
am 17. Mai 2000, Schloss Lindstedt, Potsdam

Wer kennt das merkwürdige Gefühl nicht? Man ist sicher, dass eine bestimmte Landschaft, ein Stadtteil so aussieht, wie sie sich dem Gedächtnis einverleibt haben, und ein unvermutetes oder beabsichtigtes Wiedersehen fördert plötzlich zu Tage: Man hat sich getäuscht! Unvermittelt stellt sich bohrende Unsicherheit ein. Hat eine dramatische Veränderung sämtliche Spuren des einst Gesehenen verwischt und ein neuerliches Erkennen unmöglich gemacht? Und allmählich gewinnt der nagende Zweifel Oberhand. Vielleicht ist man nie dort gewesen, wo man glaubte gewesen zu sein, und es stellt sich heraus, dass die Erinnerung womöglich nur ein Produkt der Einbildung ist. Vielleicht hat sich aber auch ein fotografisches Bild oder eine Bilderfolge tief ins Gedächtnis eingegraben. Ist an die Stelle der unmittelbaren Anschauung getreten, hat sie gleichsam ersetzt und jene Fiktion geschaffen, der man schließlich zum Opfer fällt.

Das Medium der Fotografie war von Anfang an eine Erscheinung der Gemengenlage zwischen Realität und Halluzination, zwischen Empirie und Traum. Manche Zeitgenossen seiner Entdeckung zeigten sich fasziniert von der „unnachahmlichen Treue“, mit der Bilder der Natur dank einer Kombination physikalischer und chemischer Vorgänge hergestellt werden konnten, andere, wie einer der fotografischen Pioniere, Jean Louis Mandé Daguerre, proklamierte hingegen ausdrücklich das Ziel, mit Hilfe der fotografischen Bilder eine perfekte Augentäuschung zu bewerkstelligen. Dass Fotografien lügen, alle Fotografien, wie er nachdrücklich unterstreicht, ist für Göran Gnaudschun keine Frage, aber ebenso wenig ist es für ihn die Frage, sich des Mediums zu bedienen, um seine künstlerischen Vorstellungen angemessen und überzeugend zu verwirklichen. Dennoch zögere ich, Gnaudschun ohne weiteres als Fotografen zu apostrophieren, ohne das leidige Problem berühren zu wollen, ob Fotografie eine Kunst, genauer: eine legitime künstlerische Ausdrucksform sei oder nicht. Denn seine Bilder sind zwar unabweisbar fotografischer Herkunft, zugleich aber sind sie im Sinne einer Verdichtung des Angeschauten aufgenommen, vergegenwärtigen unterschiedliche Grade visueller und emotionaler Intensität, und ihre ästhetische Struktur ergibt sich aus einer kühnen Montage in vielerlei Hinsicht heterogener Bildsplitter; einer Mischung flüchtiger und eindringlicher Momente, farbiger und schwarz-weißer Aufnahmen, spontaner und kalkulierter Sichten, journalistischer Spontaneität und versammelnder Inszenierung, Nähe und Distanz, authentischem und reproduziertem Bildmaterial, kurzum aus einer primär künstlerischen Methode. Schon aus diesem Grunde ist es gerechtfertigt, seine Arbeit dem Terrain der Kunst zuzuschlagen, obwohl sie andererseits die Möglichkeiten der Fotografie um einige ästhetische Zugewinne erweitert.

Deshalb dürfte der Umstand, dass Göran Gnaudschun als erster mit dem kürzlich aufgelegten Kunstpreis der Stiftung Pro Brandenburg heute ausgezeichnet wird, zumal angesichts des Fotobooms im internationalen Kunstbetrieb, kaum bemerkenswert sein. Die Fotografie hat sich längst die Bastionen der Kunst erobert, um den Preis allerdings, dass sowohl Kunst als auch Fotografie ihren Charakter – nicht immer zu beider Vorteil – verändert haben. Bemerkenswert ist jedoch der hohe ästhetische Anspruch, den der fotografische Künstler mit seinem preiswürdigen Projekt „Vorher müsst ihr uns erschießen“ einlöst, ein Projekt, für das er dreieinhalb Jahre in besetzten Häusern Potsdams fotografierte.

Die titelgebende Sentenz stammt von einer Transparentaufschrift, die eine Reaktion war auf die Erklärung des brandenburgischen Innenministers vom 1. September 1997, „die Polizei nur noch bewaffnet in Situationen zu schicken, die zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und der Polizei führen können.“ Ich zitiere aus einem in fünf Exemplaren edierten Buch, das Gnaudschun für den Wettbewerb um den Kunstpreis der Stiftung pro Brandenburg eingereicht hat und das die überwältigende Mehrheit der Stimmen aller Jurymitglieder nach mehreren Durchgängen erhielt.

Das Buch ist eine Form der künstlerischen Realisierung, die Ausstellung eine andere, beide sind legitim und endgültig, um das Werk eines bedeutenden Konzeptkünstlers, Lawrence Weiner, zu paraphrasieren. Entscheidend ist allein, dass sich die einzelnen fotografischen Bilder, die jeweils für sich nur Bestandteile eines Ganzen sind, zu einem Netzwerk wechselseitig ergänzender, kommentierender, auch widersprechender visueller Eindrücke eines konkreten Wirklichkeitsaspektes schließen; zu einer Art statischen Film, der seine Dynamik aus der bildnerischen Kraft eines jeden einzelnen Bildes, aus seiner spezifischen Optik, seines Formates und seiner Farbigkeit bezieht sowie seiner Position im konfliktreichen Zusammenhang der gesamten Bilder-Montage und natürlich der Bewegung der Augen der Betrachter. Künstlerische, fotografische und filmische Elemente – letzteres manifestiert sich im „running gag“ eines Huhns und seiner Küken, die mehrfach auftauchen – verknüpft Göran Gnaudschun mit frappierender Souveränität. Er überschreitet stilistische, gattungsmäßige und mediale Grenzen, landet aber nicht im weiten Feld der üblichen Beliebigkeit, sondern schärft den Blick für die widersprüchliche Textur des Realen, der erfahrbaren Welt. Dabei unterliegt er nicht dem trügerischen Glauben an die unverstellte Abbildbarkeit des Tatsächlichen. Jedes Bild entwirft sozusagen gleichzeitig sein Gegenbild, und es sind im Endeffekt die Lücken zwischen den Bildern, die sich mit dem Stoff der Wirklichkeit füllen.

„Ich fotografiere, um das, was unwiederbringlich verloren geht – mir wichtige Menschen, Dinge und Erlebnisse – wenigstens visuell festzuhalten“, sagt der anno 1971 in Potsdam geborene Göran Gnaudschun, der mit dem ausgezeichneten Projekt sein Diplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in diesem Jahr erwarb. „Ich fotografiere, um sie in Bildern und dann bei deren Zusammenstellung zu verdichten – zu einer ganz bestimmten Aussage über diese ganz bestimmte Zeit.“ Um die Schwierigkeiten weiß der fotografische Künstler. Die erwachsen vor allem aus der „Perspektivität“… – um einen Gedanken Nietzsches aufzugreifen – dessen, was man gemeinhin sichtbare Wirklichkeit nennt – und deren Bild eben keiner verbindlichen Perspektive gehorcht resp. sich keiner einheitlichen Perspektive mehr unter- oder zuordnet. Seither schwingt in jeder ernstzunehmenden künstlerischen Arbeit das von Werk zu Werk zu erneuerte Bestreben eines Versuchs der Annäherung an die Sphäre des Realen, des Wirklichen mit, ein Bestreben, das sich unaufhebbar aus dem jeweils subjektiven Gesichtswinkel formuliert und darstellt. In Gnaudschuns ausgezeichnetem fotografischen Projekt „Vorher müsst ihr uns schießen“ schwingt das subjektive Moment gleich doppelt mit. In der aufgrund seiner Biographie persönlichen Erfahrung mit den Lebensgefühlen und Einstellungen der Menschen und den soziokulturellen Gegebenheiten, die er schildert, und in der subjektiven Bildsprache, mit der er aus der Distanz, das, was ein Teil eigener Erfahrungen bildet, einem Publikum, das diese Erfahrungen weitgehend nicht teilt, vermittelt – mitteilbar macht!

Jede künstlerische Tätigkeit – und darunter verstehe ich eine Tätigkeit, die nicht Bewährtes repertiert oder allenfalls variiert – ist einem akrobatischen Balanceakt vergleichbar. Auf der einen Seite lauert die Skyla der Esoterik, der Hermetik, der Privatsprache, auf der anderen die Charybis des plakativen und meist engagierten „gut gemeint“ – wie entweder Karl Kraus oder Gottfried Benn (die Gelehrten sind sich uneins) das Gegenteil von Kunst bezeichneten. Dank einer strikt subjektiven, gleichwohl beständig gebrochenen und gespiegelten Vergegenwärtigung öffnet Göran Gnaudschun den Blick für eine Welt, die selbst im Bewusstsein des Scheiterns ihrer Vorstellung von Freiheit lebt – Leben und Kunst korrespondieren. Im Lob des Preisträgers möchte ich aber nicht die übrigen 49 Künstlerinnen und Künstler vergessen, die ihre Arbeiten zum Wettbewerb des Kunstpreises Pro Brandenburg eingereicht haben, und wenigstens die Namen derer nennen, die in die letzte Entscheidungsrunde gelangt sind: Bernd A. Chmura aus Potsdam, Rainer Gottemeier aus Schönwalde, Steffen Mühle aus Potsdam, Frank Seidel aus Wilmersdorf, Erika Stürmer-Alex aus Lietzen und last but not least Stephan Velten aus Potsdam. Gruppenbild mit Dame….
Glückwünsche.